Die Borderline Diagnose

Immer wieder kommt in diesem Forum die Frage auf, wie wichtig denn die Borderline-Diagnose eigentlich sei. Da Du, so wie wir anderen User dieses Forums ja auch, den Weg in dieses nur über die Existenz dieser Diagnose fanden, dürfte ersichtlich sein, dass diese Diagnose insbesondere in Sachen Hilfe und Selbsthilfe eine besondere Wichtigkeit hat.


Die Borderline-Diagnose wird erstellt, weil irgendwelche klugen Köpfe an der Spitze der Psychiatervereinigungen die Idee hatten, dass es „Borderline“ gibt. Sie soll immer dann erstellt werden, wenn ein psychisch leidender Patient mindestens 5 der 9 katalogisierten Kriterien aufweist. Würden diese schlauen Köpfe die Diagnose „Borderline“ wieder abschaffen, dann hätte zwar kein Patient „Borderline“ mehr, aber jeder hätte mit seinen psychischen Problemen weiterhin zu kämpfen und bekäme dementsprechend eine andere Diagnose. Ebenso verhält es sich, wenn diese schlauen Köpfe das Syndrom anders getauft hätten, dann wären wir anstatt „Borderliner“ eben … und alle Menschen würden eben diesen Namen nutzen und wir hätten uns eben unter dieser Bezeichnung in einem Forum zusammengefunden und mit den entsprechenden Stigmata zu kämpfen. Hätten die schlauen Köpfe eine Störung erfunden, indem ein Kriterium ganz ausgeklammert würde und dafür beispielsweise ein anderes in ein kreiertes Syndrom eingegliedert würde, dann wären vermutlich neben vielen identischen Usern ein paar ganz andere in diesem Forum unterwegs.

Diese Beispiele sollen verdeutlichen, dass es sich lediglich um ein Syndrom handelt und die Zutaten für ein solches eben austauschbar und wandelbar sind, während die den Leidensdruck auslösenden psychischen Probleme und Symptome bleiben, welche Dich oder Deinen Angehörigen hier her geführt haben.


Die 5 aus 9 Kriterien der Borderline-Persönlichkeitsstörung nach dem DSM-5 sind...

Hektisches Bemühen, tatsächliches oder vermutetes verlassen werden zu vermeiden. (Beachte: Hier werden keine suizidalen oder selbstverletzenden Handlungen berücksichtigt, die in Kriterium 5 enthalten sind.)

Ein Muster instabiler und intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen, das durch einen Wechsel zwischen den Extremen der Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet ist.

Identitätsstörung: ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes oder der Selbstwahrnehmung.

Impulsivität in mindestens zwei potenziell selbstschädigenden Bereichen (z. B. Geldausgaben, Sexualität, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, „Essanfälle“). (Beachte: Hier werden keine suizidalen oder selbstverletzenden Handlungen berücksichtigt, die in Kriterium 5 enthalten sind.)

Wiederholte suizidale Handlungen, Selbstmordandeutungen oder -drohungen oder Selbstverletzungsverhalten.

Affektive Störungen infolge einer ausgeprägten Reaktivität der Stimmung (z. B. hochgradige episodische Misslaunigkeit (Dysphorie) Reizbarkeit oder Angst, wobei diese Verstimmungen gewöhnlich einige Stunden und nur selten mehr als einige Tage andauern).

Chronische Gefühle von Leere.

Unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren (z. B. häufige Wutausbrüche, andauernde Wut, wiederholte körperliche Auseinandersetzungen).

Vorübergehende, durch Belastungen ausgelöste paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome.


Der Psychiater Manfred Lütz zitiert diese Zusammenfassung von Wikipedia in seinem populärwissenschaftlichen Bestseller „Irre – Wir behandeln die Falschen“ fügt aber hinzu, dass er selbst im Laufe seiner jahrelangen gruppentherapeutischen Erfahrung „Borderliner“ stets dadurch ausmachte, wenn seine Gruppe innerlich völlig gespalten war. Dementsprechend wäre ein zentrales Merkmal eines Borderliners wohl seine Neigung zum Spalten. Der Psychiater Maatz bestätigt in dem Vortrag „Warum unsere Gesellschaft so krank ist“, dass Borderliner den inneren Druck nicht aushalten können, weshalb sie ihn auf ihr soziales Umfeld ausweiten müssen. Außerdem würde seiner Einschätzung nach im wesentlichen das Frühkindheitserleben einer „bedrohenden“ Mutter und ein „terrorisierenden“ Vaters zu „Borderline“ führen.

Die Psychotherapeutin Andrea Brackmann hat ein positiveres Bild von „Borderlinern“ und bescheinigt diesen in Folge von Einzeltherapie mit über dreißig Patienten in ihrem Buch „Jenseits der Norm - Hochbegabt und hoch sensibel“ eine außergewöhnliche hohe Begabung zumindest in einem typischen Teilbereich von anerkannten Intelligenztests.

Der bekannte Psychoanalytiker Peter Fiedler übt in seinem Werk „Persönlichkeitsstörungen“ eine starke Kritik an dem Konzept der Persönlichkeitsstörungen, weil mögliche Störungen des sozialen Systems, der Interaktion, der Gesellschaft völlig aus dem Blickfeld geraten.


Manche Psychiater sehen in der Borderline-Persönlichkeitsstörung eine Restediagnose, eine Modediagnose oder eine Variante der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Der Begründer der Schematherapie Jeffrey E. Young grenzt in seinem Praxisorientierten Handbuch die Borderline-Persönlichkeitsstörung durch die sie jeweils immer durchlaufenden Schemamodi des Patienten klar ab.


Während Young bei der Narzisstische Persönlichkeitsstörung neben dem Schema des gesunden Erwachsenen sehr schwammig die Modi Einsames Kind, Selbstüberhebung und Distanzierte Beruhigung gegenüberstellt, so wirken seiner Ansicht nach bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung beim Patienten IMMER die folgenden verinnerlichten Schematamodi:

  1. Verlassenes Kind

  2. Ärgerliches und impulsives Kind

  3. Strafender Elternteil

  4. Distanzierter Beschützer

  5. Gesunder Erwachsener


Der „Borderliner“ ist also durch das individuelle Durchlaufen der identischen Schemamodi, also an seinen Verhaltensabläufen auch als solcher erkennbar und die Hilfe der Schematherapie setzt bei jedem dieser ersten vier einzelnen Modi an, um das Schema des gesunden Erwachsenen zu stärken.




Die einzelnen Schematamodi der Borderline-Störung etwas genauer erläutert:

Nach dem Begründer der Schematherapie Jeffrey E. Young gibt es achtzehn frühe maladaptive Schemata (frühkindliche Schutzmechanismen, die mittlerweile aber mehr schaden, als schützen). Diese achtzehn Schemata sind:


1. Verlassenheit/Instabilität

Sich von unberechenbaren Bezugspersonen im Stich gelassen fühlen

2. Misstrauen Missbrauch

Die subjektive Wahrnehmung von absichtlicher Schädigung

3. Emotionale Entbehrung

Das eigene Bedürfnis nach Zuwendung, Empathie oder Schutz wird nicht ausreichend befriedigt

4. Unzulänglichkeit/ Scham

Subjektives Minderwertigkeitsgefühl und Überempfindlichkeit gegenüber Kritik

5. Soziale Isolierung/Entfremdung

Das Gefühl, anders als „die Anderen“ sein

6. Abhängigkeit/ Inkompetenz

Die Überzeugung, allein nicht die Herausforderungen des Alltags meistern zu können.

7. Anfälligkeit für Schädigungen oder Krankheiten

Panik vor gesundheitlichen, emotionalen oder äußeren Katastrophen

8. Verstrickung/ Unterentwickeltes Selbst

Übertriebene emotionale Beziehungen zu Bezugspersonen zu Lasten der normalen sozialen Entwicklung und individuellen Unabhängigkeit.

9. Versagen

Versagensangst auf Grunde von subjektiv empfundener Minderwertigkeit

10. Anspruchshaltung/Grandiosität

Überlegenheitsgefühl und Anspruch auf Macht und Kontrolle

11. Unzureichende Selbstkontrolle/ Selbstdisziplin

Geringe Frustrationstoleranz oder mangelnde Kontrolle des exzessiven Ausdrucks von Gefühlen und Impulsen

12. Unterwerfung

Exzessive Übergabe der Kontrolle an andere

13. Selbstaufopferung

Übertriebenes freiwilliges Bemühen die Bedürfnisse anderer zu erfüllen

14. Streben nach Zustimmung und Anerkennung

Die permanente Unterdrückung der eigenen Bedürfnisse zwecks Zustimmung und Anerkennung der Anderen

15. Negativität/ Pessimismus

Die permanente Konzentration auf die negativen Aspekte einer Sache

16. Emotionale Gehemmtheit

Die Hemmung von Spontanität im Handeln, des Fühlens oder des Kommunizierens

17. Überhöhte Standards/Übertriebene kritische Haltung

Die Überzeugung, dass sich jeder Bemühen sollte, sehr hohe Verhaltens- Leistungsstandards zu erlangen

18. Bestrafen

Die Überzeugung, dass Menschen bei Fehlern schwer bestraft gehören





Zur Vereinfachung werden diese Schemata in 5 Schemamodi zusammenfasst, welche laut Young bei einer Borderline-Persönlichkeitsstörung immer ablaufen müssen. Diese fünf charakteristischen Borderline-Schemamodi sind:


  1. Verlassenes Kind

  2. Ärgerliches und impulsives Kind

  3. Strafender Elternteil

  4. Distanzierter Beschützer

  5. Gesunder Erwachsener




1. Das Schema „Verlassenes Kind“


Das leidende innere Kind und wird immer dann angesprochen, wenn der kindliche Schmerz oder der kindliche Schrecken durch das Erleben im Hier und Jetzt durch vorhandene entsprechende Schema (z.B. Verlassenheit/Instabilität) angetriggert werden.



2. Das Schema „Ärgerliches und impulsives Kind“


Wenn der Patient wütend ist oder sich impulsiv verhält, weil die emotionalen Grundbedürfnisse nicht erfüllt werden



3. Das Schema „Strafender Elternteil“


Die internalisierte Stimme der strafenden erwachsenen Bezugsperson



4. Das Schema „Distanzierter Beschützer“


Die Abschottung von allen Emotionen von Seiten des Patienten



5. Das Schema „Gesunder Erwachsener“


Der gesunde und zu stärkende Anteil. Bei diesem Modus wird die Wut angemessen ausgetragen, der strafende Elternteil durch einen achtsamen, fürsorglichen und liebevollen Elternteil ersetzt und der distanzierte Beschützer überflüssig gemacht.




Verfasst von Rumburak